Der Film

Blick auf Wickis Jahrhundert Erste Jahre Der Künstler Der Schauspieler Der Regisseur “und eine Art von Poesie”

Auszeichnungen

Fotoüberblick

Aussagen über Wicki Dürrenmatt über den Fotografen Wicki Maximilian Schell Michael Mendl Klaus Maria Brandauer

Dossier

Bernhard Wicki Gedächtnisfonds

Elisabeth Wicki-Endriss - Buch & Regie Kamera & Schnitt Cast & Crew Danksagung Kinowelt Impressum Links

Home

EIN LIEBENDER BLICK AUF WICKIS JAHRHUNDERT

Mit der Seele den Menschen suchen, der mit Filmen sein 20. Jahrhundert in die Schranken weisen wollte: Zwei Kämpfe um eine Sache – die Brücke zum Menschen, dem humanen, der aus barbarischem Urschlamm neu geschaffen werden musste.

Emblematisch liegt der erschossene Junge auf der Brücke des Todes, deren Bogen aufs Hinüberkommen weist. Emblematisch erscheint zerborsten der Stacheldraht vom KZ Sachsenhausen, in dem der Häftling Wicki andere Häftlinge laufen und einige verzweifelt verenden sah. Solche Bilder des Jahrhunderts waren es, die sich in Bernhard Wicki eingegraben hatten, die zur Konstanten seiner filmischen Arbeit wurden. Ging es anders? Für ihn nicht.

Mit dem liebenden Blick der Schauspielerin und Ehefrau sucht Elisabeth Wicki-Endriss den Orten, Kämpfen, verstörenden ebenso wie poetischen Bildern in Wickis Leben und Filmen nachzuspüren, ganz seelenverwandt nah, mit nie gezeigten Aufnahmen und nie öffentlich gesprochenen Gedichten Bernhards, der zuerst Maler, dann Flieger, dann Dichter, dann Schauspieler, dann Fotograf, dann Regisseur werden wollte: alles immer unbedingt, ohne Kompromisse gegen Zeitgeistiges – unbedingt wie er liebte, zeitweise zwei Frauen gleichzeitig: Agnes Fink und Elisabeth Endriss.

Schon sein erster Spielfilm „Die Brücke" sollte perfekt das genaue, ganze, grausame Bild der elend krepierenden Jungen am Ende des Krieges zeigen – gegen den Trend der eher heldischen literarischen Vorlage, deren Haltung er ins Gegenteil drehte. Hollywood rief ihn, ließ ihn vier Jahre mit großen Weltstars (Marlon Brando, Ingrid Bergman) arbeiten, aber halten in diesem „System" konnte ihn auch ein generöser Produzent wie Zanuck nicht; es fehlte die Autonomie, ohne die für Wicki künstlerische Arbeit unmöglich schien.

Da stürzte er sich lieber daheim ebenso trotzig wie wagemutig in die Arbeit „Die Eroberung der Zitadelle", die ihn in Schulden stürzte und nicht einmal die Anerkennung brachte, die er erhofft hatte. Sein Selbstgefühl als unabhängiger Künstler, dem er mit diesem Film aufhelfen wollte, übertraf alle Widrigkeiten.

Joseph Roths Roman- und Lebenshaltungen musste er nicht drehen – sie waren auch seine. „Das falsche Gewicht" brachte ihm Anerkennung und Auszeichnungen die Fülle. Später verbiss er sich bis zur Todeserschöpfung in Roths „Das Spinnennetz", das in Cannes Jubel, aber bei den blutigen Szenen mit den rechten Freicorps-Schlächtern auch Entsetzen auslöste. Er sah gewalttätige Rechtsradikale in der Bundesrepublik wieder ihr Haupt erheben. Dagegen musste etwas gemacht werden; er jedenfalls wollte und konnte nach gemachten Erfahrungen nicht schweigen: wenn es sein musste, auch brachial sprechen und zeigen.

Bernhard Wicki, den jemand „Jahrhundertmann" nannte, fasste und umfasste und erfasste intuitiv immer mehr, als dem Menschen normalhin gegeben ist. Das machte ihn zum Zerrissenen, zum Außenseiter, zum Mann zwischen den Zeiten und Ästhetiken: zum Singulär, der die Solidarität menschlicher Gruppen besang und doch zu ihnen nicht wirklich gehören konnte.

Eine filmisch-poetische Nachempfindung all dessen, berührend, ergreifend, die Seele wie Bernhards schwarzen Engel aus dem Machandelbaum suchend, ist dieser Film-Essay eigener Prägung, der uns zu den Polen der Liebe und des unbedingten künstlerischen Kampfes führt, auch des ewigen Kampfes gegen sich selbst wie gegen Barbarismen und Fanatismen menschlicher Ideologien. Ein Klima wollte er mit seinen Filmen schaffen, das es ermöglichte, Humanes in uns Menschen zu wecken.

Elisabeth Wicki-Endriss ist diesem Klima mit Feingefühl, Genauigkeit und Poesie gefolgt, das es ermöglicht, dem Menschen Wicki in seiner ganzen Vielfalt, dem Künstler und seinem Jahrhundert, noch einmal neu zu begegnen. Filmen heißt, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen, aber ihn auch wenigstens zeitweilig zu überwinden. Elisabeth Wicki-Endriss zeigt in ihrem liebenden Film-Essay, dass beides geht. Bernhard Wickis einmalige Arbeit lebt für sich und in ihm fort – auch über sein 20. Jahrhundert hinaus.

23. November 2006 Heinz Ungureit

 

 nach oben